Oder: Das Gründerdilemma!
Die Augen meines neuen Kunden leuchteten auf, als er meine Frage zu seinem Geschäftsmodell beantwortete. „Wir werden die Solarbranche revolutionieren.“ Aus Loyalitätsgründen werde ich seine Idee nicht näher erläutern. Glaub’ mir einfach, er und seine Mitgründer hatten eine Idee, die eine echte (nicht-technische) Innovation darstellt. Es sieht so aus, als könnten sie ein reales Problem für ihre potenziellen Kunden lösen UND möglicherweise monatlich wiederkehrende Einnahmen generieren. Ich muss mich hier vage ausdrücken, da es noch nicht genügend Beweise gibt, dass die Idee funktioniert.
Das Problem ist nicht die Idee an sich. Es ist der unbändige Optimismus, den viele Gründer bei der Entwicklung ihrer Idee an den Tag legen.
Was es braucht, um Branchenführer zu werden
Ich verstehe es! Man braucht Optimismus, um überhaupt anzufangen. Was bringt es, wenn man nicht an seine Ideen glaubt?
Aber lass mich mal meinen inneren Klugscheißer rauslassen und ein bisschen belehren.
Gründer, insbesondere solche mit kurzer Dienstzeit (ja, ich war bei der Bundeswehr), wollen Branchenführer werden, die Konkurrenz platt machen und die Welt verändern. Daran ist nichts auszusetzen.
Wenn man sein Unternehmen jedoch erst ein halbes Jahr hat, ist das, als würde ich sagen: „Ich werde mit über 40 noch Basketball-Spieler in der NBA.“ Die Leute würden mich ansehen, lächeln, zustimmend nicken und insgeheim denken: „Der hat sie nicht mehr alle!“ Theoretisch ist es möglich, aber wer würde darauf wetten?
Die Hürden, die Du überwinden musst, um zu überleben, geschweige denn in Deiner Branche zum Marktführer zu werden, sehen folgendermaßen aus:
- 60 % der Unternehmen scheitern innerhalb der ersten 5 Jahre
- 75 % der Unternehmen erreichen nie die Gewinnzone
- Weniger als 10 % der neu gegründeten Unternehmen erhalten nennenswertes Eigenkapital von außen
Als Indikator für den Aufstieg zu einem Top-Unternehmen in einer Branche können wir das Durchschnittsalter erfolgreicher Unternehmen beim Börsengang (IPO) betrachten. Im Jahr 2024 lag es bei 14 Jahren. https://www.thecorporatecounsel.net/blog/2025/06/ipos-44-years-of-data.html
Welche Schlussfolgerung lässt sich daraus ziehen?
Um in einer Branche führend zu werden, braucht es Jahrzehnte, nicht Jahre!
Innovation ist für die Gesellschaft unerlässlich
Versteh’ mich nicht falsch, ich weiß sehr wohl, dass wir Innovation brauchen. Und Innovation erfordert, sagen wir mal, „optimistisches“ Denken. Und ja, Innovationen haben die Art und Weise, wie wir kommunizieren, Dinge verstehen, essen, uns fortbewegen, lieben, entspannen, lernen und so vieles mehr grundlegend verändert.
Aber eines ist klar:
Man kann die Veränderung der Welt nicht planen!
Bestes Beispiel: Nicht einmal der Urvater der Innovation und des Geschäftserfolgs, Steve Jobs, hat das geplant.
Er kehrte 1997 zu Apple zurück. Es dauerte vier Jahre bis zum iPod, weitere sechs Jahre bis zum iPhone (und das hatte er 1997 übrigens nicht geplant) und nochmals drei Jahre bis zum iPad. Wir sprechen also von 13 Jahren Hingabe an die Mission eines Unternehmens, seinen ersten Abschnitt als Apple-Gründer nicht mitgerechnet.
Er hat die Welt tatsächlich verändert. Aber erst, nachdem er herausgefunden hatte, in welchen Bereichen die Welt Veränderungen wollte (= was die Kunden wollten).
Das Gründerdilemma
Gründung und Innovation erfordern denselben unerschütterlichen Optimismus, den mein neuer Kunde so beispielhaft an den Tag legte. Man darf nicht mit Zweifeln und Ängsten an die Sache herangehen. Die kommen früh genug.
Um mit einem Unternehmen die Welt zu verändern, braucht man eine Innovation, die ein echtes Bedürfnis vieler Kunden befriedigt und mit der man Geld verdienen kann.
Dafür muss man ein Unternehmen aufbauen.
Und hier kommt der Haken.
Ein Unternehmen aufzubauen erfordert Realismus und pragmatische Weitsicht.
Wir sprechen also vom genauen Gegenteil dessen, was man am Anfang braucht.
Ich habe mir das Mindset, das Dich als Gründer in Schwierigkeiten bringt, angesehen – hier – und die Konsequenzen, die der Weg des Gründers mit sich bringt – hier.
Die Welt zu verändern ist möglich, aber Gründer vergessen oft etwas.
Wir müssen uns klarmachen, dass der Erfolg auf schrittweiser Innovation beruht. Zuerst testete Apple den iPod. Nachdem dieser als Erfolg galt, folgte die Innovation, ihn mit einem Telefon und einem Touchscreen zu kombinieren. Und erst nach dem Erfolg des iPhones entwickelten sie Tablets.
1997 bestand Steves Hauptaufgabe darin, die Prozesse zu optimieren, Kosten zu senken und die Marketingaktivitäten zu fokussieren. Das mag nicht so glorreich sein wie die Welt durch Technologie zu verändern, aber es half Apple sicherlich zu überleben, um sie später tatsächlich zu verändern.
Schreiben ohne Publikum ist wie Gin ohne Tonic. Wenn Du diesen Beitrag nützlich fandest, freue ich mich über einen Kommentar und heiße Dich als Abonnenten herzlich willkommen. Vielen Dank für Dein Interesse.
