GameStop - wie sich Geschichte wiederholt

GameStop – wie sich Geschichte wiederholt7 min Lesezeit

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Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel über GameStop als Analyse angehe oder einfach nur unter Private Finanzen ablege. Ich habe mich für letzteres entschieden. Das erlaubt mir GameStop als Beispiel zu betrachten, wie sich Marktmechanismen und Psychologie auf Investmententscheidungen auswirken.

Worum geht es bei der GameStop-Story?

In den letzten Tagen und Wochen bin ich immer wieder auf Nachrichten über GameStop gestolpert. Hier und da habe ich ein bis zwei Zeilen gelesen. Und heute hat mich doch tatsächlich eine Kundin darauf angesprochen. Das war mein Anlass, mich mit dem Thema auseinander zu setzen.

Das amerikanische Unternehmen ist ein Videospiel-Händler in der Offline-Welt. (So richtig mit Ladenkette und Menschen, die darin arbeiten… 😉) In den vergangenen Jahren sind die Umsätze deutlich und vor allem durch ein strukturelles Nachlassen der Nachfrage gesunken. Menschen kaufen Games heutzutage einfach online und GameStop hat es verpasst, sich im Internet aufzustellen.

Short Selling

An der Börse hat man die Möglichkeit, an so einer Situation trotzdem Geld zu verdienen. Das geschieht durch Short Selling. Und das funktioniert so: Du leihst Dir eine Aktie im Wert von 10 Euro und verkaufst sie sofort für 10 Euro. Dann wartest Du bis der Kurs auf 8 Euro fällt und kaufst sie mit Deinen 10 Euro aus dem Verkauf zurück. Die Aktie gibst Du zurück, denn sie war ja nur geliehen. Die 2 Euro behältst Du.

Hin und wieder kann es am Markt vorkommen, dass die meisten Aktien eines Unternehmens an Short Seller verliehen sind. Im Fall GameStop war diese Short-Selling-Quote sogar über 100% (das passiert, wenn Aktien mehrfach weiter verliehen werden). Das Problem dabei ist, dass jeder Short Seller irgendwann zum Buyer werden muss, um die Aktie wieder zurück zu geben. Und genau dann, sorgt er für steigende Nachfrage und somit (je nach Volumen) für steigende Preise. Das Problem an steigenden Preisen für einen Short Seller ist, dass er irgendwann wirtschaftlich gezwungen sein kann, die Aktie zu kaufen, damit seine Verluste nicht zu groß werden. Das ist das Rezept für einen Short Squeeze wie aktuell bei GameStop zu beobachten ist.

The Crowd vs The 1%

Was bei unserer Geschichte noch fehlt, ist einer der Auslöser für diesen Short Squeeze. Im Netz haben sich mehrer Daytrader und Hobby-Trader gefunden, die GameStop unter die Lupe nahmen. Vor allem die Gruppe WallStreetBets auf reddit wird medial stark in den Fokus genommen. Hier entstand die Idee, dass man sich zusammen schließen könnte, um GameStop zu übernehmen (das war bei der riesigen Anzahl an Followern der Gruppe tatsächlich gar nicht so unrealistisch, wären die Kurse weiter gefallen). Anfangs deuteten die Analysen der Community darauf hin, dass GameStop eigentlich mehr wert sei, als an der Börse gehandelt. Und so schloss man sich mehr oder weniger zusammen und kaufte. (= steigende Kurse…)

Durch klassische Phänomene von Gruppendynamik entwickelte sich die „Investment-Story“ der GameStop-Aktie zu einer Story von Gut gegen Böse. (Auf Bloomberg gibt es eine schöne Beschreibung der Entstehung.)

GameStop - wie sich Geschichte wiederholt

Auf der einen Seite haben wir einen Hedgefonds, der ironischerweise „gerettet“ werden musste, da die aufgelaufenen Verluste zu groß waren. Auf der anderen Seite haben wir das Volk – Kleinanleger, Opfer der Finanzkrise 2008, Menschen die nicht gerettet werden… Aber die es durch ihren Zusammenschluss geschafft haben, Wall Street Unternehmen Milliarden an Verlusten zu bereiten.

(Achtung beim Lesen englischer Texte: „one billion“ ist im deutschen „eine Milliarde“) Und natürlich auch, einen Short Squeeze herbei zu führen, der etlichen ziemlich profitable Trades beschert haben dürfte. (Short Seller müssen ja kaufen, um die Aktien zurück zu geben. Die Verkäufer können natürlich in so einer Situation immer noch mehr Geld verlangen…)

Der GameStop-Zug und seine weitere Reise

Ich bin kein Freund von Überlegungen die „den einen Grund“ suchen. Die meisten Dinge in unserem Leben haben mehr als nur eine Ursache. Wenn man sich in die Story einliest, dann stellt man schnell fest, dass hier mehrer Dinge zusammen kamen:

  1. Die angesprochene Short Selling Quote war hoch genug, um einen Short Squeeze zu ermöglichen.
  2. Die Käufer-Seite hat durch soziale Dynamik immer mehr Zuspruch erhalten.
  3. Die Menschen hatten Zeit, da viele durch die Pandemie zu Hause saßen und sich (auch aus Langeweile) mit der Börse beschäftigt haben.
  4. Eine Generation sitzt am Hebel, die die Finanzkrise 2008 bewusst miterlebt hat. Ich persönlich habe absolut keine Auswirkung auf mein Leben gespürt. Allerdings ist mir damals die Rettung manch einer großen deutschen Bank auch „unfair“ vorgekommen. Ich kann also verstehen, wie das Feindbild Hedgefonds entstehen kann. Heute weiß ich mehr über die Zusammenhänge und es fällt mir deutlich schwerer, die damalige Vorgehensweise der Politik in diesem Zusammenhang zu kritisieren.
  5. Es ist extrem einfach geworden, Börsengeschäfte abzuwickeln. Jeder kann heute mit seinem Handy alles kaufen. Auch der Zugang zu Optionen (die in einem Short Squeeze auch eine strukturelle Rolle spielen können, auf die ich hier nicht eingehe) ist quasi für jeden möglich.

Nun ist es so. GameStop hatte über 1.000% Rendite in den letzte 12 Monaten und vielleicht sind auch nochmal 1.000 drin. Ich weiß es nicht…

Same old story

Was ich weiß, ist folgendes. Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Just vor der Finanzkrise gab es mal eine Zeit, da war Volkswagen das teuerste Unternehmen der Welt. Die Aktie kostete zeitweise über 1.000 Euro. Und ein Mal darfst Du raten, wie es dazu kam… Richtig, ein Short Squeeze.

GameStop - wie sich Geschichte wiederholt

Wie bei GameStop gab es auch hier eine Situation, in der zu viele Short Seller überhaupt existierten. Dann gab es Änderungen in der Informationslage und viele Short Seller erkannten, dass sie gezwungen waren, die Aktie zu kaufen, da sonst die Verluste zu hoch wären. Und das ging so lange, bis wieder ein vernünftiges Marktgleichgewicht einkehrte.

Was denkt ein frischer GameStop-Aktionär?

Ich kann nur spekulieren, was Menschen motiviert, GameStop zu kaufen. Wahrscheinlich spielt die Performance eine Rolle, die Hoffnung auf mehr, die Gruppendynamik, die Berichterstattung über namhafte Investoren. Ich habe keine Ahnung.

Was mir durch den Kopf geht

  1. GameStop war vor einem Jahr noch rund 1 Milliarde Euro wert an der Börse, Tendenz fallend. Heute stehen wir bei rund 20 Milliarden Euro. So schnell wächst kein Unternehmen in seinem inneren Wert. Vor allem keins, dass immer noch keinen Profit abwirft!
  2. Börsenkurse haben die Tendenz, langfristig, die tatsächliche Wertentwicklung des Unternehmens nachzuvollziehen. Aus heutiger Perspektive dürfte die Richtung klar sein, wenn es GameStop nicht schafft, sich (möglichst schnell) anders aufzustellen.
  3. Warum um alles in der Welt sollte ich mein hart verdientes Geld nehmen, ein schlecht laufendes Unternehmen kaufen, nur um irgendeinem Hedgefonds eins auszuwischen? Und dabei Gefahr laufen, 60%, 70%, vielleicht sogar 90% meines Geldes zu verlieren…?
  4. In einer Marktsituation wie bei GameStop, die sich komplett von der wirtschaftlichen Grundsituation des Unternehmens gelöst hat, sind die Kurse unberechenbar. Es kann gut sein, dass es nochmal genauso weit nach oben geht. Genauso denkbar ist, dass wir in 2 Monaten wieder bei 1 Milliarde Börsenwert stehen. Oder Elon Musk steigt auch noch mit ein und GameStop wird gerettet. (Das war kein Sarkasmus. Herr Musk ist tatsächlich am Rande in die Diskussion eingestiegen.)
  5. Diese Unberechenbarkeit sagt mir „Halt Dich fern!“. Wenn Du es nicht beurteilen kannst, dann lass die Finger davon! (Gilt natürlich nur für mich.)

Die Zukunft der GameStop-Aktie

Natürlich funktioniert auch meine Glaskugel nicht so richtig. Wenn ich jedoch eine Prognose wagen würde, dann ginge ich davon aus, dass wir in diesem Jahre oder im nächsten den Börsenwert von GameStop wieder unter 2 Milliarden sehen. Das wären dann 90% Wertverlust aus heutiger Perspektive.
Ich habe einfach zu viele Beispiele gesehen, wo es genau so gelaufen ist. Situationen, in denen der Kurs immens gestiegen ist und jegliche Relation zum Wert des zugrunde liegenden Unternehmens verlassen hat, scheinen regelmäßig so zu enden, dass der Kurs wieder dahin geht, wo er hergekommen ist…
Wir werden sehen. Ich setze es mal auf die To-Do-Liste für 2022.

Übrigens gibt es auch bei The Verge und der WirtschaftsWoche klasse Artikel zum Thema.

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